Warum Finanzierung lange vor dem Pitch beginnt – was Gründerinnen, Investor*innen und Gründungsökosysteme lernen können

Warum erhalten Gründerinnen häufig weniger Investments als ihre männlichen Kollegen? Welche Rolle spielen Netzwerke, unbewusste Vorurteile und der Zugang zu Investor*innen? Und warum beginnt die Finanzierung von Gründerinnen häufig lange vor dem ersten Pitch?

Diese Fragen standen im Mittelpunkt eines Gesprächs mit Jakob Würz, Masterstudent im Bereich Accounting, Finance & Sustainability an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Für uns bei FUTUR F wurde dabei erneut deutlich: Die Voraussetzungen für Finanzierung entstehen oftmals lange vor dem ersten Gespräch mit Investor*innen.

Sie entstehen dort, wo Menschen Zugang zu Netzwerken erhalten, ihre Sichtbarkeit stärken, unternehmerische Selbstwirksamkeit entwickeln und lernen, sich in wirtschaftlichen Räumen sicher zu bewegen.

Denn Finanzierung beginnt nicht erst im Pitch.

Warum Forschung und Praxis einander brauchen

Organisationen wie FUTUR F erleben täglich, welche Herausforderungen Gründerinnen, Führungskräfte und unterrepräsentierte Gruppen im Gründungsökosystem beschäftigen. Forschung hilft dabei, diese Erfahrungen einzuordnen, Zusammenhänge sichtbar zu machen und strukturelle Muster zu verstehen.

Gleichzeitig braucht Forschung die Perspektiven aus der Praxis, um relevante Fragen zu entwickeln und tatsächliche Herausforderungen sichtbar zu machen.

Nur wenn beide Seiten miteinander arbeiten, entstehen Erkenntnisse, die Veränderung ermöglichen – für Förderprogramme, politische Entscheidungen, Unternehmen und Gründungsökosysteme.

Wissenschaftliche Erkenntnisse helfen dabei,

  • Förderbedarfe sichtbar zu machen,
  • die Wirksamkeit von Maßnahmen zu überprüfen,
  • politische Vorhaben zu begründen,
  • und Angebote gezielter und wirksamer zu gestalten.

Praxis wiederum zeigt, wo Menschen tatsächlich an Grenzen stoßen, welche Herausforderungen bisher übersehen werden und welche Lösungsansätze funktionieren.

Gerade im Bereich Gründung und Finanzierung ist diese Verbindung entscheidend.

Warum Finanzierung von Gründerinnen lange vor dem Pitch beginnt

Im Gespräch wurde für uns erneut deutlich, dass viele Voraussetzungen für Finanzierung lange vor dem ersten Investor*innengespräch entstehen.

Menschen benötigen:

  • Selbstwirksamkeit,
  • Sichtbarkeit,
  • Netzwerke,
  • strategische Klarheit,
  • Kommunikationsfähigkeit,
  • Verhandlungskompetenz,
  • den Umgang mit Macht und Rollen,
  • sowie Vertrauen in die eigene unternehmerische Handlungskraft.

Viele dieser Kompetenzen werden zunächst nicht mit Finanzierung in Verbindung gebracht. Gleichzeitig beeinflussen sie maßgeblich, ob Menschen sich zutrauen, unternehmerische Verantwortung zu übernehmen, Kapital aufzunehmen oder sich in wirtschaftlichen Räumen sicher zu bewegen.

Programme wie Women* for Impact, EXIST Women oder unsere Arbeit mit Gründerinnen und Führungskräften setzen genau an diesen Voraussetzungen an. Sie stärken Sichtbarkeit, Selbstwirksamkeit, strategische Klarheit und die Fähigkeit, sich in unternehmerischen und wirtschaftlichen Kontexten handlungsfähig zu erleben.

Wir würden unsere Rolle deshalb heute möglicherweise anders beschreiben als noch vor einigen Jahren: Wir vermitteln nicht primär Kapital. Wir schaffen Voraussetzungen für Investitionsfähigkeit.

Wie Unconscious Bias Investitionsentscheidungen beeinflusst

Ein besonders wichtiger Aspekt ist die Rolle von unbewussten Verzerrungen und Stereotypen.

Internationale Forschung zeigt, dass Gründerinnen in Finanzierungsgesprächen häufiger zu Risiken, Absicherung und möglichen Problemen befragt werden, während Gründer häufiger Fragen zu Wachstum, Potenzialen und Chancen erhalten.

Diese Unterschiede sind häufig nicht bewusst und entstehen nicht zwangsläufig aus böser Absicht. Dennoch können sie erhebliche Auswirkungen auf Finanzierungserfolge haben.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

Wie können sich Gründerinnen besser präsentieren?

Sondern auch:

Wie können Investor*innen, Multiplikator*innen, Führungskräfte und Entscheider*innen ihre eigenen Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster reflektieren?

Warum Unconscious Bias Awareness für Investor*innen und Entscheider*innen relevant sind

Unconscious Bias Trainings werden häufig als Diversity-Thema verstanden. Wir erleben jedoch immer wieder, dass sie vor allem ein Innovations- und Wirtschaftsthema sind.

Denn die entscheidende Frage lautet: Welche Potenziale werden gesehen, gefördert und finanziert – und welche gehen verloren?

Für Investor*innen können stereotype Erwartungen Einfluss darauf haben,

  • welche Geschäftsmodelle überzeugend wirken,
  • wem Führungskompetenz zugeschrieben wird,
  • wie Risiko eingeschätzt wird,
  • oder wem Wachstum zugetraut wird.

Für Hochschulen, Förderprogramme, Banken, Acceleratoren und Multiplikator*innen stellt sich dieselbe Frage.

Die Fähigkeit, eigene Denkmuster und Bewertungsroutinen zu reflektieren, wird damit zu einem wichtigen Bestandteil zukunftsfähiger Gründungsökosysteme.

Beispiele aus unserer Arbeit

In unseren Programmen erleben wir immer wieder, wie sich Zugänge verändern. Gründerinnen aus EXIST Women entwickeln mehr Sicherheit in ihrer Sichtbarkeit und Kommunikation. Teilnehmerinnen unserer Leadership-Programme gewinnen Klarheit über ihre Rolle, ihre Ziele und ihre strategische Positionierung. Im Austausch mit Banken, Unternehmen und Partnerorganisationen entstehen neue Formen der Zusammenarbeit und des gegenseitigen Verständnisses. Und bei gemeinsamen Pitch- oder Netzwerkformaten wird sichtbar, wie wichtig sichere Räume, Vertrauen und Vorbereitung für spätere Finanzierungsschritte sind.

Systemische Veränderung braucht beide Seiten

Die Herausforderungen im Gründungsökosystem lassen sich nicht allein auf der Ebene einzelner Personen lösen. Ebenso wenig reicht es aus, ausschließlich Strukturen zu betrachten. Wir brauchen beides:

Menschen, die ihre Potenziale entfalten können. Und Systeme, die diese Potenziale erkennen, fördern und finanzieren.

Deshalb arbeiten wir als FUTUR F an der Schnittstelle von Führung, Innovation, Gründung und Chancengerechtigkeit. Denn die Frage lautet nicht nur, wie mehr Menschen Zugang zu Kapital erhalten. Die entscheidendere Frage ist: Wie gestalten wir ein Gründungsökosystem, das die vorhandenen Potenziale unserer Gesellschaft tatsächlich erkennt und nutzt?

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Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über den Blog und präsentiert eine Vielzahl von Artikeln, Einblicken und Ressourcen, um Leser zu informieren und zu inspirieren.